Nepal 2025
Nachdem sich meine letzten Expeditionen immer in recht komfortablen Höhenlagen abspielten, sollte es im Herbst 2025 mal wieder etwas höher hinaus gehen. Das Ziel war schnell gefunden, mitten ins Herz der Hohen Berge, im Himalaya. Nachdem mich die Felswände in Grönland mit maximal 2000m über Meereshöhe oder der Cerro Torre in Patagonien mit 3128m quasi fast mit Sauerstoff überversorgten, bietet der Ama Dablam in Nepal mit 6814m alles was das Höhenbergsteiger so fasziniert: Atemlosigkeit, Kopfweh, kalte Temperaturen und noch kälteren Wind. Und da meine letzte Nepalreise schon über 10 Jahre her war, und ein Erdbeben die Reise und das Land damals gewaltig umgestalteten, hoffte ich dieses Mal auf einen etwas entspannteren Ablauf. Genauso schnell wie das Ziel stand auch das Team fest: Mein Bruder Robert bot seine Arbeit als unermüdliche Schleppmaschine an, und meine Freundin Isa als gut strukturierte Reiseleitung. So konnte ich mich auf die wesentlichen Dinge der Reise konzentrieren. Das Verspeisen möglichst vieler Momos und das einatmen möglichst vieler Sauerstoffmoleküle.
Die Ama Dablam zeigt sich im Zustieg zum ersten Mal
Kurz vorm Abflug wurde es schon zum ersten Mal spannend, da im Land leichte politische Spannungen herrschten, welche sich jedoch rasch wieder legten. Gemeinsam mit meinem Buder ging's von Frankfurt über New Delhi nach Kathmandu, von dort aus Tags darauf mit einer kleinen Maschine in das auf moderaten 2400m gelegene Lukla. Schon am ersten Tag erreichten wir Namche Bazar, welches einen mit 3500m schon auf das einstellt, was die nächsten zwei Wochen zur Tagesordnung wird. Langsam gehen und viel schnaufen. Der Weg war überwiegend "Nepali flat". Sprich ein immerwährendes auf und ab. Immer tiefer ins Tal hinein. Die Vegetation wechselte von grün und viel Wald auf immer karger und herbstlicher. Von Namche Bazar aus machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg um meine Freundin Isa aufzuspüren (sie war bereits 2 Wochen vorher angereist, um sich durch die Anreicherung roter Blutkörperchen einen konditionellen Vorteil zu verschaffen... Gemeinsam stiegen wir weiter auf nach Dole und weiter ins 4200m hoch gelegene Machermo. Nachdem wir bisher relativ schnell aufgestiegen waren, beschlossen wir am nächsten Tag einen Ruhe- und Akklimationstag ein zu legen. Dies lässt sich am besten in einer nepalesischen Bäckerei mit viel Schokokuchen bewerkstelligen. Hier oben war die Luft schon deutlich dünner. Dafür war die Landschaft unglaublich schön mit Buschwerk in verschiedensten rot-, orange- und Gelbtönen geziert. Die Baumgrenze, welche hier deutlich höher liegt als zu Hause, hatten wir schon hinter uns gelassen. Dafür kamen die ersten Schneefelder dazu.
Frisch erholt ging es am nächsten Tag weiter nach Gokyo, welches malerisch an einem traumhaften, tiefblauen See liegt. Dieser zeigt sich im starken Kontrast zur verschneiten Landschaft. Auch wenn mein Bruder und ich aufgrund des fehlenden Sauerstoffs und der spärlichen Akklimatisation sehr müde waren, ließen wir uns von Isa überreden, noch auf den Gokyo Ri (5357m) zu gehen, da wir wussten, dass am nächsten Tag das stabile Herbsthoch einer Schlechtwetterfront weichen wird. Nach 2h Schinderei erreichen wir atemlos den höchsten Punkt, welcher durch unzählige nepalesische Fahnen gekennzeichnet wird. Vom Gipfel aus hat man eine atemberaubende Aussicht auf einige der höchsten Berge der Welt: vom Tibetischen Cho Oyu, zur gewaltigen Nuptse-Lhosteflanke, rüber zur formschönen Pyramide des Makalus. Etwas weniger spektakulär und bei weitem weniger elegant versteckt sich dahinter ein grober Felsklotz, welcher der Grund für den großen Andrang der Gegend war. Mit 8848m ist der Mount Everest zwar die höchste, menschengemachte Müllhalde der Erde, jedoch bei weiten nicht so formschöne wie die etwas niedriger gelegenen Gipfel, welche nun in der untergehenden Sonne romantisch glühten.
Am nächsten Tag kam, wie erwartet, richtig viel Neuschnee. Wir wurden vom Geräusch der einheimischen Schneeräumkommandos aufm Dach aufgeweckt, nachdem die Schneemassen drohten die dünnen, aus von menschenhand hochgeschleppten Spanplatten angefertigten Häuser zum Einstürzen zu bringen. Mit wilden Sicherungstechniken und selbst gebastelten Schaufeln wurde fleißig geschippt. Uns taten die zwei Nächte auf der gleicher Höhe (4800m) mindestens genauso gut, wie die reichlichen Bäckereibesuche und unzählichen Momos. So konnten wir neben unzähligen Kalorien auch noch einige für die dünne Luft so wichtigen roten Blutkörperchen aufstocken, um uns an die große Höhe zu gewohnen. Noch besser war dann der Abstieg am darauf folgenden Tag, denn der eigentlich geplante Pass war aufgrund des Neuschnees nicht möglich. Wir hatten nur leichte Wanderausrüstung dabei, unsere Expeditionsausrüstung wurde ab Lukla per Yak ins Ama Dablam Base Camp (BC) geliefert.
Das heißt absteigen bis der Schnee zu Regen wurde und eine Schlammschlacht darauf folgte. Ein langer Tag mit vielen Kilometern wandern brachte uns ins nächste Tal, auf die total überlaufene Strecke des Everest Base Camp Trek. Hier traf uns erstmal der Schock, die Strecke war stark überlaufen von wanderwütigen Menschen, von denen einige in der Höhe nichts zu suchen haben. Nachdem es immer noch in strömenden regnete, beobachteten wir die Wandertouristen mit fixen Zeitplänen beim nass werden und füllten schon wieder unser Kaloriendefizit auf. Hätten wir jetzt nicht gebraucht, aber Kuchen vorm Ofen bei nass kalten Außenbedingungen war besser als im totalen Sauwetter den Menschenmassen zu folgen. Als der Regen nach 3 Tagen allmählich abklang wanderten wir weiter ins nun bereits winterliche Dorf Chukung und am Tag darauf legten wir eine Spur durch den Schnee zum gleichnamigen Gipfel, Chukung Ri (5550m).
Die wilde Natur zeigt ihre volle Stärke. Stürme, Schneefahnen und Wolken umhüllen die Lhotseflanke. Mit ihren 3000m gehört sie zu den größten und mächtigsten Wände der Erde. Die Eigernordwand passt fast 2 mal hinein…
Von dort aus hatten wir die Rückseite der Ama Dablam im Visier, sowie den Island Peak. Noch eine Nacht und einige Momos später ging es endlich in unser BC auf 4700m, in eine Höhe, auf welcher wir uns mittlerweile gut wohl fühlten. Dort wurden wir sehr herzlich von unserem Koch und seinen Assistenten begrüßt. Beide, sowie die ganzen organisatorischen Dinge wie Permits, wurden uns von I.A.M Trek organisiert (ein herzliches Dankeschön dafür).
Anfangs erschlug uns die Größe des BC ziemlich, vor allem nachdem wir erfahren hatten, dass an unserem Ankunftstag über 70 (!!!) Leute den Gipfel probierten. Die hohe Zahl resultiert aus dem starken Schneefall die Tage davor, die Route war vorrübergehend gesperrt. Und nachdem die meisten einen fixen Zeitplan haben, "mussten" sie es alle am gleichen Tag probieren. Unvorstellbar wie das an dem schmalen Grat oder in der Schneeflanke auf über 6500m funktionieren soll. Aus diesem Grund haben wir beschlossen uns absolut mal gar nicht zu stressen, und zu hoffen, dass die alle bald abreisen. Am nächsten Morgen sind wir mit viel zu schweren Rucksäcken zum Yak Camp auf 5300m aufgebrochen. Denn im Gegensatz zu allen anderen Menschen welche wir getroffen haben, hatten wir keine bezahlten Climbing Sherpas und nepalesische Guides, und mussten all unser Material selber hochschleppen. Dafür hatten wir meinen Bruder, ausgestattet mit einem bis zum Platzen gefüllten 70L-Rucksack. Das Yak Camp wurde von uns nur zur Akklimatisation verwendet, um überhöht schlafen zu können. Normalerweise ist der Weiterweg bis zum Camp 1 verblocktes Gelände, bei uns aufgrund des vielen Neuschnees angenehm homogenes Schneegestapfe. Die erste Nacht in unserem superleichten Samayazelt war erstaunlich gut, Höhe total ok, Temperaturen auch, auch der Proviant von unserem Koch war exquisit und trug nicht unerheblich zu den überfüllten Rucksäcken bei.
Am nächsten Tag stand dann Camp 1 auf dem Speiseplan, dort haben wir noch einen Platz für unser Zelt ergattert und, nach einer guten Nacht, so viel Material wie möglich eingelagert. Nach einem Funkspruch ins BC stiefelten wir tagsdarauf mit leeren Rucksäcken wieder runter. (Es war dem Koch sehr wichtig, dass wir ein gefühlt 100kg schweres Funkgerät mitschleppen, um rechtzeitig Bescheid geben zu können, wann wir zum Essen kommen).
Zurück im BC wurden wir kulinarisch verwöhnt und könnten uns zwei Tage erholen. In der Zwischenzeit gab es mehrere Gipfelversuche, unter anderem von einer im BC befreundeten Gruppe aus den USA. Diese wurden jedoch größtenteils - aufgrund des starken Jetstreams - abgebrochen. Täglich mehrfach konnten wir auch den Helikopter beim Bergen überforderter oder höhenkranker Möchtegern-Bergsteiger beobachten, was zum einen ein mulmiges Gefühl macht, zum anderen die Frage aufwirft, ob jede Rettung wirklich notwendig wäre. (Wenn die Personen tanzend aus dem Heli aussteigen wirkt es zumindest so, aber ist schließlich nur eine objektive Beobachtung).
Der starke Wind hielt an, trotzdem beschlossen wir einen vorsichtigen Versuch zu starten. Lieber oben in der Höhe bewegen und weiter akklimatisieren, als 5 Tage im BC die Däumchen zu drehen. Diesmal gings direkt ins Camp 1 auf 5900m. In der Nacht hat der Sturm auf jeden Fall die widerstandsfähigkeit unseres Zeltes getestet, genauso wie unsere Nerven. Beides hielt aber, wie auch die Tage zuvor, den oben vorherrschenden Verhältnissen stand. Aber nachdem der Wind wie vermutet zu stark war, sind wir nur mit leichten Gepäck den Grat bis zum Camp 2 geklettert. Viele Plattenquergänge in tollem Fels, paar steilere Sequenzen mit immer wieder Schnee und Eis. Aber alles gut mit Steigeisen kletterbar. Schade dass sich hier fast alle nur an den durchgehenden Fixseilen nach oben ziehen, macht die Kletterei doch richtig Spaß!
Wieder 3 Tage Pause im BC mit bangen Blicken auf den Wind- und Wetterbericht. Es war ein Zeitfenster in Sicht, bei dem der Jetstream abflaut und eine Gipfelbesteigung sinnvoll erscheinen lässt. Wieder sind wir losgezogen, hoch zum Camp 1, den Grat folgend zum Yellow Tower. Mit Gepäck, schweren Bergschuhen und der Höhe durchaus anspruchsvoll, aber super spaßige (Frei)kletterei... An Camp 2 haben wir beschlossen einen großen Bogen drum rum zu machen. Optisch aus der Ferne ein spektakuläres Camp, aus der Nähe ein riesen Müllhaufen und ein einziges Klo. Also schnell weiter. Dem Camp 2 folgen richtig feine Mixedlängen in gutem Eis und in der untergehenden Sonne ein ausgesetzter Grat. Der Wind hatte zu diesem Zeitpunkt wieder gut an Fahrt aufgenommen. Camp 3 liegt bereits auf 6400m, windexponiert aber wunderschön auf einer großen Schulter. Dort oben trafen wir Freunde aus dem BC, ein junger nepalesischer Bergführer und sein bulgarischer Gast, liebevoll genannt: Der Doktorrr. Wir haben uns mit Tee versorgt, Isa und ich fanden Unterschlupf in einem halb kollabiereden Zelt, Robert kam bei unseren Freunden unter. Somit blieb mir wenigstens die Arbeit des Zeltaufbaus erspart, und die Überlebenschanchen unseres Leichtgewichtszeltes stiegen enorm.
Der Plan war es, um 0:00 Uhr zu starten, allerdings war der Wind noch viel zu stark. Laut Bericht sollte er eigentlich abklingen... An mehr als 2 h Schlaf war aufgrund der ewigwährenden Arbeit des Wasserkochens, Zeltstabilisierens und Warmhalten der Extremitäten eh nicht zu denken, schlussendlich sind wir dann um 3:00 Uhr gestartet.
Es war richtig, richtig kalt (laut Vorhersage -26°C, mit Windchill kommt man damit auf -40°C). Im Dunkeln haben wir uns langsam die letzten 500hm eine 40-60° Steile Eisflanke hochgepickelt. Mit einer, der Höhe geschuldeten Geschwindigkeit von 100hm/h waren wir nach 5h gegen 8 Uhr endlich in der Sonne und auf dem Gipfel. Plötzlich wirkt der gegenüberliegende Everest gar nicht mehr so hoch, und die gesamte Landschaft liegt uns zu Füßen... Lange genießen konnten wir es dort oben nicht, Robert und Isa hatten erste Erfrierungssymptone und mussten runter. Dank der Fixseile und des geringen Andrangs waren wir nach 3 h wieder im Camp 3. Nach einer kurzen Pause ging's weiter runter und runter und runter. Bis uns am Abend gegen 22 Uhr, der Assistent des Koches überglücklich mit einer Thermoskanne Tee unterm Arm entgegengelauffen ist und uns die letzte halbe Stunde begleitet hat. Natürlich hat sich der Koch es nicht nehmen lassen und uns mit einem goßzügigen Abendessen versorgt. Leider war der Hunger zu dem Zeitpunkt nicht mehr bei jedem so groß wie das Abendessen ... Umso besser hat's dann am nächsten Tag geschmeckt :)
Der Abstieg von der Ama Dablam… Trotz Fixseile lang und müsham
Und noch besser hat die Torte geschmeckt, welche der Koch in seiner kleinen Küche extra für uns gebacken hat um uns für den Gipfel zu gratulieren. Eine bessere Versorgung hätten wir uns nicht wünschen können! Danach hieß es dann raus laufen für weitere 3 Tage. Wie wir uns gefreut haben, als die ersten Bäume und das erste Rot wieder zu sehen war! Ebenso wie das Bier in Namche Bazar mit unseren amerikanischen Freunden wundervoll geschmeckt hat.
Die letzte der sechs Wochen unseres Nepalaufenthalts ging der Urlaub los. Bummeln durch Kathmandu, das wilde Stadttreiben wirken lassen, all die Farben, Gerüche, Eindrücke. Auch der ein oder andere Besuch der lokalen Boulderhalle darf nicht fehlen, zu lange haben wir schon von kleinen Leisten und viel zu engen Schuhen geträumt. Kulturelle Vielfalt, ebenso wie geschmacklich. Robert musste uns leider ein paar Tage früher verlassen. Wir haben dafür noch den Citwan Nationalpark im Süden des Landes besucht. Dschungel, hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit und wilde Tiere als Kontrastprogramm zum Hochgebirge. Dann hieß es auch schon Abschied nehmen von einem tollen Land, beeindruckender Kultur und wundervollen Menschen.
Abschließend lässt sich sagen, dass es eine unglaublich tolle Erfahrung war, auch wenn uns der Alpinismus seine Schattenseiten gezeigt hat. Trotzdem wollen wir diese Erlebnis nicht missen! Wir können es nur empfehlen, das Land der hohen Berge zu besuchen (und ja, auch "nur wandern" ist dort schon ein einmaliges und atemberaubendes Erlebnis)
Text und Bilder von Isa Nufer und Thomas März
Ein großes Dankeschön geht an meine Sponsoren, welche mich wie immer mit der passenden Ausrüstung austatteten!