Pakistan 2026
Inshallah – ein Wort, das Pakistan und unsere damit verbundene Reise sehr gut beschreibt. So Gott will. Man muss sich also gar nicht zu viele Gedanken machen, wenn’s passt dann passt, und wenn nicht, soll’s eben nicht sein. Ich bin zwar nicht religiös, kann im Ganzen aber einiges nachempfinden.
Karakorum - loses Gestein und herzliche Menschen
Karakorum wiederum heißt übersetzt, soviel wie größter und höchster Sand- und Geröll Haufen der Welt. Alles was da nicht durch Eis und Schnee festgefroren ist, ist der Gravitation folgend in Bewegung. Und zwar nach unten. Und wenn du darunter stehst, fällts dir auf den Kopf. Auch das wird unsere Reise noch sehr beeinflussen. Inshallah steht man nicht darunter.
Vier Tage lang wandern wir in einem zwanzigköpfigen Team, bestehend aus pakistanischen Pferden, deren Treibern, unserem Koch Liakat, unserem Guide Musalli und sechs Hennen. Von den sechs Hennen erreichen allerdings leider nur vier die herrliche Wiese lebendig.
Die Anreise zum Shipton BC erstreckt sich über 5 Tage. Den ersten gehts noch abenteuerlich mit dem Auto von Skardu nach Askole. Danach sind 4 Tage Fussmarsch mit einer Kolonie aus Trägern und Pferden angesagt.
Shipton BC, so heißt der Platz, den wir für die nächsten vier Wochen als unser Zuhause nennen dürfen. Und was für ein Platz es ist. Eine märchenhafte Wiese, eine sichere Oase zwischen endlosem Schotter, Gletschern und bis zu 2000 m hohen Felstürmen, welche Steine und Lawinen auf uns herabwerfen. Irgendwie kommt man sich vor wie auf einem riesigen Schachfeld - ein kleiner Bauer zwischen gigantischen Türmen, Springern und Könige.
Unser Basecamp ist ein Ort der Sicherheit, von dem man zwar permanent die Steine und Eislawinen mitbekommt, aber eben aus sicherer Entfernung. Hier gibt’s alles, was das Herz begehrt. Blumen, kleine Bächlein, einen Pool zum runterkühlen und nicht zuletzt unsere Basecampküche, aus der tagtäglich alles was das Herz begehrt, geliefert wird.
Neben dem bereits erwähnten wichtigsten Expeditionsmitgliedern Koch und Guide - welcher mehr als Küchengehilfe diente - besteht das fünfköpfige Team noch aus Berni unserer Vorstiegswaffe, Julei, der treibenden Kraft und Expeditionleitung (auch wenn er das nicht hören will, zumindest hatte er die super Idee) und mir, dem ständig schnaufenden Hinterhersteiger und Fotografen. (Immerhin bewegen wir uns permanent auf 4500-6000 m, auch wenn sich das die anderen beiden nicht ankennen lassen.
Das Team - inkl Träger
Ziel der Expedition war es, Spaß zu haben und heil wieder heimzukommen. Zusätzlich steht auf dem Plan, dem Shipton Spire auf die Nase zu steigen. Ausgehend von einem Schachspiel ist der Berg mit seiner 1400 m hohen Wand sicher der König im Tal. Und wir eben die Bauern.
Als ich die Geschichte hier schreibe, sitze ich gerade wieder im Basecamp und schaue in meiner Wäsche beim Trocknen zu. Hin und wieder donnern tonnenschwere Eis- und Felsmassen von den umgebenden Türmen Richtung Gletscher. Ein Geräusch, das zur Kulisse des Basecamps gehört, wie das liebevolle plätschern des Baches, dem zwitschern der Vögel und dem erfreulichen Pfeifen des Hochdrucktopfes unseres Kochs. Was der wohl gerade wieder zubereitet….
Die wichtigste Person der Expedition - Koch Liaquat
Meine Beine sind schwer von den letzten Tagen und ich freue mich über jede dazu gewonnene Kalorie. Zum akklimatisieren haben wir vor vier Tagen unsere Oase verlassen und sind in 2 Stunden entfernte Tango Basecamp gewandert. Wandern heißt im Karakorum jedoch, dass man sich endlos Schottermoränen auf und ab quält. Vom Tango Base Camp quält man sich nun nicht mehr abwärts, sondern eine 800 m hohe Schotterreise aufwärts. Immerhin. Das Wetter ist recht durchwachsen und so sind wir froh am frühen Nachmittag unser Lager und einem riesigen Felsblock geschützt unter dem Tango Tower aufschlagen zu können. Kurz bevor der nächste Schauer hereinbricht.
Ausblick von unserem Camp unter dem Trango Tower
Am nächsten Tag geht’s weiter, wie der letzte Tag aufgehört hat. Nur zur Abwechslung besteht der Weg neben Schotter und Sand nun auch aus sandigen Felsriegeln und ist zum Schluss mit etwas Schnee und Eis garniert.
Wir schlagen unser zweites Lager am Fuß des Little Trango (5500m) auf. Nachmittags geht’s zum akklimatisieren noch sechs Seillängen auf dessen Gipfel. Berni und Julei steigen vor und ich schnaufe hinterher. Zur Abwechslung im perfekten Granit. Der eigentliche Grund, warum wir hier sind.
Panorama vom Little Trango
Abwechslungsreich bleibt auch das Wetter, zumindest schneits in der Höhe, so dass wir nicht nass werden wie am Vortag. Zum Glück verziehen sich am Abend die Wolken und es kommt zu einer sternenklaren Nacht. Das können wir auch brauchen, denn unser Ziel ist der technisch unschwierige Great Tango (6300m) welcher allerdings mit einem Spalten- und Seracgewirr auf uns wartet. Gefrorener Schnee und gute Sicht sind unabdingbar. Um 2:00 Uhr klingelt der Wecker um kurz nach drei sind wir unterwegs. Bei Tagesanbruch sind wir am Gipfel, es eröffnet sich uns ein traumhafter Ausblick über unser Tango Valley mit den unzähligen Granitnadeln und den gesamten schotterbedecktem Baltorogletscher, welcher zum Concordiaplatz führt. Dort Reihen sich die Achtausender K2, Broad Peak und Gasherbrum I + II, neben anderen spektakulären und bei weitem weniger überlaufenen Gipfeln wie dem Masherbrum, welcher das Tal dominiert aber mit seinen 7821m die magische 8000er- Grenze knapp verpasst.
Aufstieg zum Great Trango
Der Weg zum Concordia Platz ist die beliebteste Trekkingtour im Karakorum, was ich allerdings nicht so ganz verstehe, bewegt man sich dort doch nur im endlosen Schottergelände auf und ab.
Blick ins wolkenverhangene Trango Valley mit all deren mächtigen Granittürmen
Wieder einige Regentage später nehmen wir nun unser Hauptziel voll ins Visier. Gleich nach unserer Ankunft im Basecamp, vor zwei Wochen haben wir bereits den Großteil unseres Materials am Wandfuss des Shipton Spire deponiert.
Camp am Wandfuss des Shipton Spire. Der Lagerplatz wird von einem 2m ausladendem Felsdach geschützt - dahinter schlagen die Steine ein
Die ersten 300 m unserer anvisierten Tour haben Berni und Julei bereits in einer zweitägigen Aktion mit Statikseil fixiert, umso beim guten Wetter gleich zur Tat schreiten zu können. Allerdings wartet am Ende des Statikseil ein großes Fragezeichen auf uns. Ein über einige Seillängen reichender Felsausbruch hat vor einigen Jahren einen großen Teil der Wand ins Tal befördert. Unser Ziel ist es, dort entweder einen Weg durch oder außenrum zu finden.
Der gigantische Pfeiler des Shipton Spire. Eine der schönsten Felswände, die ich je gesehen habe. Und eine der schwersten…
Passend zum Motto unserer Reise wollen wir danach auf der bereits 1998 von den Amerikanern Steph Davis, Kennan Harvey und Seth Shaw erstbegangenen Route namens „Inschallah“ weiter Richtung Gipfel steigen. Eine wahre Kingline, welche in direkter Linie durch Super Fels zum Gipfel führt.
Nun geht’s ans eingemachte, über das Statikseil erreichen wir relativ schnell den unberührten Teil der Wand. Ausgerüstet, mit Friends, unzähligen Schlaghaken und unseren Trumpf, einem Bosch Bohrhammer wollen wir uns durch das entstandene Neuland arbeiten. Wenns uns der Berg schon nicht einfach macht, wollen wir wenigstens alles bieten, was wir haben.
Ich steige zwei Seillängen vor, bis zu einem Ledge mitten im Ausbruch. Dieses Felsband war unsere Hoffnung, den Ausbruch in kürzester Linie zu umgehen und wieder Richtung festen Fels und Originallinie von 1998 zukommen. Die Hoffnung zerschellt, allerdings schon bald beim Anblick des Geländes nach dem Ledge. Um dort klettern zu können, wäre eine ordentlich größere Portion Risikobereitschaft dringend notwendig. Diese bringen wir nicht mit. Dafür sind in der Vergangenheit einfach zu viele Unfälle passiert, das ist uns der Berg nicht wert. Und geradeaus weiter wäre wohl möglich, würde aber sicher Tage in Anspruch nehmen, bis wir wieder auf die Originalline der Amerikaner treffen. Welche danach erst richtig schwer wird.
die letzte Seillänge vor dem Ausbruch…
Bestärkt wird unsere Meinung durch den dauernd präsenten Stein und Eisschlag der Nachbarberge. Auch unser Shipton hat mit einigen Warnschüssen schon klar gemacht, dass mit ihm nicht zu Spaßen ist. Immer wieder kommen die Gedanken auf, dass sich genauso Krieg anfühlen muss. Permanent auf der Hut, nicht getroffen zu werden. Es kommt die Frage auf, ob wir uns das freiwillig antun wollen, gehts uns doch sonst so gut. Brauchen tun‘s wir ganz sicher nicht. Schließlich haben wir die Möglichkeit, selbst über unser Schicksal zu entscheiden. Im Gegensatz zu denen, die tatsächlich von den sinnlosen Kriegen der mächtigen Männer dieser Welt betroffen sind.
Ein letzter Versuch, den Ausbruch rechts durch einen Pendelquergang zu umgehen, scheitert, und so sind wir uns einig, dass wir einen geordneten Rückzug antreten. Zurück in die Sicherheit und Geborgenheit unserer Märchenwiese.
Rückzug…
Einige Stunden später haben wir all unser Material wieder am Wandfuß. Bis auf einen Stein, welcher mich beim Seilabziehen am Fuß trifft, ohne weitere Vorkommnisse. Wir sind uns einig, dass dies die richtige Entscheidung war.
Es tut zwar etwas weh, unser gesamtes Material, welches wir zwei Wochen zuvor motiviert bis zum Wandfuß geschleppt haben, nun in bis zu 40 Kilo schweren Haulbags zurück zu schleppen. Aber immer noch besser, als sich am Berg von Steinen bewerfen zu lassen oder mitsamt einer riesigen Schuppe Richtung Gletscher zu fliegen. Inshallah - zumindest hat Allah nicht gewollt, dass wir erschlagen werden. Schließlich haben wir uns ja auch versprochen, heil wieder heimzumkommen.
zum Glück entscheiden am Ende all die Eindrücke und das Erlebte, und nicht die Gipfel, auf denen man steht…
Wir bedanken uns an dieser Stelle an den Sponsoren, welche uns die Reise erst ermöglicht haben
Und bei unserer Agentur „Shipton Treks“ bei der guten Organisation und vor allem dem motivierten Team. Allen voran unserem Koch Liaqat und unserem Guide Mussali, welche uns den Aufenthalt im BC extrem angenehm gemacht haben
Letztendlich gilt der Dank natürlich auch all denen, welche uns nahe stehen und uns immer und immer wieder losziehen lassen!